Die Geschichte der LVG

Geschichtlicher Rückblick

Die Lehr-und Versuchsanstalt für Gartenbau Kassel (LVG) war eine der ältesten gartenbaulichen Versuchsanstalten in Deutschland. Ihre Geschichte geht bis auf das Jahr 1858 zurück.

Eine Besonderheit ist, dass Sie von Beginn an neben dem Versuchswesen zusätzlich auch Bildungsaufgaben wahrgenommen hat.

Nach langer und traditionsreicher Geschichte hat die LVG Ende 2004 ihre Pforten am Standort in Kassel-Oberzwehren geschlossen und wurde endgültig in 2006 aufgelöst.

Erfahren Sie mehr über die Geschichte der LVG. Die Beiträge aus den Festschriften zu den Jubiläen „100 Jahre LVG“ und „125 Jahre LVG“ sowie die „Chronik ab 1989“ sind hier verfügbar.

Die Zeit danach

Nach dem Beschluss der Standortschließung leitete die Gründung der Hessischen Gartenakademie in 1998 den weiteren Weg in Kassel ein. Neben der Gartenbauberatung sollte nur der Bereich des Nichterwerbsgartenbaus (Hessische Gartenakademie, HGA) mit dem Gartentelefon und der Erwachsenenfortbildung erhalten bleiben. Beide Bereiche befinden sich seit 2005 in der LLH-Zentrale in der Kölnischen Straße und werden bis heute mit sehr wenigen Mitarbeitern fortgeführt.

Auch der VeGO Verein der ehemaligen Gartenbauschüler, Freunde und Förderer der LVG besteht weiter und trägt die Geschichte fort. Der Verein organisiert die jährlich in Baunatal stattfindenden Gartenbautage sowie den regelmäßigen Stammtisch und andere Aktivitäten.

Neue Mitglieder sind herzlich Willkommen.

100 Jahre LVG (aus der Festschrift von 1964)

Die geschichtliche Entwicklung

Es ist kein Zufall, dass die heutige Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau als Pomologische Landesanstalt für Obstbau gegründet wurde, denn nicht nur zahlreiche Liebhaber waren am Anbau von Obst interessiert, sondern auch die Staatsregierungen. Durch die Verbreitung des Obstbaues wollten sie die gesamte Landeskultur heben, und so ist es nicht verwunderlich, dass zu dieser Zeit zahlreiche Pomologische Gesellschaften gegründet wurden, die nicht nur einem einzelnen Berufsstand dienten, sondern auf direktem Wege der Allgemeinheit Nutzen brachten. In Kurhessen führte besonders die Schrift „Vorschläge zur Hebung des Obstbaues“ von Lukas und Oberdieck zur Gründung der Anstalt.

Obwohl es nur ein einzelner Zweig des Gartenbaues – der Obstbau – war, der so entscheidend gefördert wurde, hat sich daraus nach 1945 jene Einrichtung entwickelt, die allen Sparten des Gartenbaues in Kurhessen und in den angrenzenden Gebieten dient: die Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau in Kassel-Oberzwehren. Sie hat die verantwortungsvolle Ausbildung schon erfahrener Gärtnergehilfen aller Fachrichtungen zu tüchtigen Betriebsleitern und Gärtnermeistern übernommen und stellt ausführliche Versuche zum Nutzen des engeren Einzugsgebietes an.

Mit Gründung und Zielsetzung dieser Anstalt ist der Name eines Mannes verbunden, der sich um die kurhessische Landwirtschaft große Verdienste erworben hat: Landesökonomierat Eduard Maximilian Wendelstadt, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Zentralvereins und geheimer Regierungsrat der Königlichen Regierung in Cassel. Ihm ist es zu verdanken, dass von 1860-1864 vor dem Frankfurter Tor in Kassel die Pomologische Landesanstalt, deren Verwaltung Wendelstadt bis 1887 innehatte, aufgebaut wurde. Hauptzweck war die Heranbildung tüchtiger Baumwärter und die Massenanzucht derjenigen Obstsorten, die sich für die kurhessischen Verhältnisse am besten geeignet erwiesen. 1861 übernahm der ehemalige Hofgärtner L. Rosemund als Institutsgärtner die Leitung der jetzt als „Zentral-Anstalt für Obstbau“ bezeichneten Einrichtung, deren Anlagen nach seinen Plänen gestaltet wurden. Mutterbäume, Wildlinge, Obstsamen und Edelreiser wurden aus den Instituten in Hohenheim und Reutlingen bezogen. Bereits in den nächsten Jahren entfaltete die Anstalt eine rege Tätigkeit, die sich ab 1864 auf die Ausbildung von Baumwärtern, der baumschulmäßigen Anzucht von Obstbäumen, der unentgeltlichen Abgabe von Edelstämmen, Wildlingen und für ca. 17000 Veredelungen notwendigen Edelreiser erstreckte. 1867/68 wurde das erste Lehr- und Verwaltungsgebäude errichtet. Neben der Wander- und Lehrtätigkeit konnten nun auch hier längere Obstbaukurse abgehalten werden.

1869 folgte auf L. Rosemund sein Sohn J.F. Rosemund in der Institutsleitung. 1888 wurde dem Landwirtschaftlichen Zentralverein die Anstalt durch Pachtvertrag zur Verwaltung und zum Betrieb übertragen. In der Folgezeit ergaben sich durch den häufigen Wechsel der Administratoren und durch das Missverhältnis von Staatszuschüssen und Einnahmen finanzielle Schwierigkeiten, die zu einem Niedergang geführt haben. Schon damals war es nicht leicht, auf der einen Seite die Anstalt in all ihren Teilen bestimmungsgemäß zu erhalten und zu bewirtschaften, gar weiterzuentwickeln, und auf der anderen Seite ihr obstbauliches Förderungsprogramm gegenüber den Gemeinden durch Abgabe stark verbilligten Pflanzgutes zu erfüllen.

1891 übernahm der Königliche Garten-Inspektor Karl Huber die Leitung. Dank seinem wirtschaftlichen Denken erreichte die alte Pomologische Landesanstalt eine neue Blüte, die dann zur Übersiedlung und dem Aufbau der Obstbau-Anstalt in Oberzwehren bei Cassel führte.

Trotz schwerer Rückschläge durch Dürre und Frost sowie der Vernichtung von Neupflanzungen gelang es Huber durch selbstlose Arbeit, dem Ziel der Anstalt gerecht zu werden. Von 1892 ab führte er regelmäßig mit erweitertem Lehrplan Baumwärterkurse durch und vergrößerte 1893 das Versuchsprogramm auf den Gebieten der Technik, des Pflanzenschutzes, der Düngung und der Düngetechnik. Die neu eingeführte Doppelradhacke wurde eingesetzt und die Albert’sche Düngelanze auf Brauchbarkeit überprüft. Spritzversuche mit Kupferkalkmischungen, Sortenanbauversuche mit Erdbeeren, geeignete Mulchverfahren und Untersuchungen über die Frostempfindlichkeit verschiedener Apfelsorten waren bemerkenswerte Arbeiten aus dem breiten Versuchsprogramm.

Obstverwertungskurse sowie Prüfungen von Glas- und Blechkonservengefäßen fanden starken Widerhall. 1894 arrangierte er die erste kleine 8-tägige Obstbauausstellung, die aus den früheren Obstverkaufsausstellungen hervorgegangen war. Damit war eine neue Form der Information und Belehrung am lebenden Objekt gefunden, die zur Förderung des Obstbaues beitrug, aber auch den Wert der Anstalt in der öffentlichen Diskussion hob.

In den folgenden Jahren zeichnete sich eine Ausdehnung der Lehrtätigkeit des Institutsvorstehers ab. So unterrichtete er in den Gärtnerfachklassen der Handwerkschule in Cassel und in der Landwirtschaftlichen Winterschule in Marburg.

Im Jahre 1896 wurde die Landwirtschaftskammer gegründet. Sie übernahm als Rechtsnachfolgerin des Zentralvereins auch die Pomologische Anstalt. Im gleichen Jahr beteiligte sich die Anstalt erfolgreich an der allgemeinen Deutschen Obstausstellung im Orangerie- Schloss zu Cassel. Noch ein Ereignis aus diesem Jahr dokumentiert die bahnbrechende Leistung der Anstalt: Die Einführung der Gründüngung in Verbindung mit anorganischer Düngung im Obstbau.

Oberzwehren – endgültige Heimstatt

Für die ständig anwachsenden Aufgaben genügten die Versuchsflächen, Wirtschaftsgebäude und Unterrichtseinrichtungen nicht mehr. Man trug sich schon seit Jahren mit dem Gedanken, die Anstalt zu verlegen. Nachdem ein geeignetes Gelände in der Nähe des damaligen Dorfes Oberzwehren gefunden war, konnte jener Abschnitt beginnen, der zur heutigen „Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau“ geführt hat. Huber hatte klar erkannt, dass die künftige Entwicklung ein neues Ziel nötig hatte. Es mussten Einrichtungen geschaffen werden, in und an denen die Obstbauer und die Landbevölkerung die „naturgemäße Pflanzung und Pflege“ der Obstbäume erlernen konnten. 1898 erwarb der preußische Finanzminister zu diesem Zweck 43 Morgen, nämlich die Lasseläcker, hinter der Faulhütte und Faulhütte, von dem Landwirt Franz Sinning in Oberzwehren. 1900 wurden die ersten Gebäude auf dem Gelände errichtet.

Der Ausbau der einzelnen Gebäude sowie die Bepflanzung der Versuchsflächen konnten bis zum Jahr 1905 abgeschlossen werden. Den Kern der Anlagen bildeten jene Gebäude, die auch heute noch zum Teil auf den alten Grundmauern nach 1945 wieder errichtet wurden, so das Verwaltungsgebäude mit Lehr- und Sammlungssaal, Geschäftszimmer und Bücherei, dann das Gebäude der Obst- und Gemüseverwertungsstation, auf dessen Grundmauern sich heute das Schülerwohnheim befindet, und die Wirtschaftsgebäude mit Stallungen und Vorratsräumen. Ein kleines Weinhaus und einige Mistbeete sowie ein Bienenhaus rundeten die baulichen Anlagen ah.

Bei der Einteilung der Freiflächen ging Huber davon aus, eine größere Anzahl von Pflanzungsvorbildern zu schaffen, um sie auf ihre technische und wirtschaftliche Eignung hin zu überprüfen. In der Folgezeit hat sich die Grundidee als außerordentlich anknüpfungsreich für immer neue Versuchsanstellungen gezeigt. Die Abteile oder Quartiere erhielten Nord-Südrichtung. Die Längen waren so bemessen, dass die Hauptarbeit durch Pferdegespanne bewältigt werden konnte. Die Freiflächen umfassten im Einzelnen einen ländlichen Haus-, Schul- und Nutzgarten, ein Spaliergarten, dann Bepflanzungsbeispiele mit Apfel- und Sauerkirschenbüschen, Birnen- und Steinobstbüschen, Birnen- und Apfelhalbstammpflanzungen.

Im feuchteren südlich gelegenen Teil wurden eine Hügelpflanzung mit Apfelhochstämmen in Wiesenfläche, eine Hudepflanzung mit Apfelhochstämmen, dann weiterhin Apfel-, Birnen- und Kirschenhochstammpflanzungen angelegt. Dabei wurde versucht, vor allem in den ersten Standjahren die Flächen weitgehend durch Unterkulturen mit Rhabarber, Hackfrüchten, Gemüse, Beerenobst, Erdbeeren und Himbeeren zu nutzen. Ein Baumschulquartier diente zur Ausbildung der Anzucht von Obstbäumen.

Die West- und Nordrandstreifen nahmen verschiedenartig bepflanzte Schutzpflanzungen auf. Neben Koniferen, Walnüssen, Haselnüssen und Ebereschen sollten auch andere fruchttragende Gehölze wie Zieräpfel, Speierlinge u.a. für die Erprobung von Apfelwein und Geleebereitung dienen.

Zusammenfassend ergibt sich eine Fülle von Bepflanzungsbeispielen, die nicht nur ertragsmäßig, düngungsmäßig, sondern auch arbeitswirtschaftlich sowie verwertungstechnisch ausgewertet werden konnten.

Damit war aber auch eine erfolgreiche Lehrtätigkeit möglich, die in idealer Weise theoretisches Wissen mit echter Anschauung und intensiver Übung verband. Den Schwerpunkt bildeten „Zehnwöchentliche Lehrkurse im Obstbau“, deren Lehrplan den neuen Gegebenheiten angepasst wurde. Hinzu kamen noch kurze Unterweisungskurse für Lehrer, Förster und sonstige Teilnehmer, 1907 erstmalig ein spezieller Kursus für Bahnbeamte und seit 1904 Wiederholungskurse für praktische Baumwärter. Hinzu kamen die vielen Besucher, Obstzüchter und Landwirte, Vereine, Fachschulen, Fachleute aus dem In- und Ausland sowie ratsuchende Laien, die in fachkundigen Führungen Anregungen bekamen oder beraten wurden.

Die Obstbau-Anstalt in Oberzwehren errang in diesen Jahren unter Huber eine Spitzenstellung.

LVG Gelände – Postkarte um 1910

Die schweren Jahre des ersten Weltkrieges setzten dieser Entwicklung ein Ende. Huber war unheilbar erkrankt. Noch unter Aufbietung seiner letzten Kräfte versuchte er die Anstalt weiterzuführen, die ja sein Lebenswerk geworden war. 1918 starb er nach einem schaffensreichen Leben.

Begehrte Ausbildungsstätte in ganz Deutschland

Im September 1920 übernahm Garteninspektor Adolf Beckel die Leitung der Anstalt, ein Fachmann, der kraftvoll und energisch in den dritten Abschnitt der Anstaltsentwicklung eingriff, der, wenn auch oft genug diktatorisch, der Obstbauanstalt ihre bedeutende Stellung im damaligen Reichsgebiet gab. Traditionsgemäß übernahm er 1923 die Geschäftsführung des Obstbauvereins für den Regierungsbezirk Cassel und wurde 1924 Vorstandsmitglied des Reichsverbandes des Deutschen Gartenbaues.

In den ersten Jahren beanspruchte die Normalisierung des Versuchsbetriebes alle Kräfte. Die Zwangswirtschaft, die Verteuerung der Betriebsmittel, der Arbeitskräftemangel waren die offenkundigsten Schwierigkeiten, der sich die Anstalt in den Nachkriegsjahren gegenübergestellt sah. Trotzdem wurde die Lehrtätigkeit unmittelbar wieder aufgenommen und die Baumwärterausbildung so umgebildet, das erstmalig im Herbst 1922 Baumwärterprüfungen durchgeführt werden konnten. Der schon vor dem 1. Weltkrieg begonnene Gemüsebau als Füllkultur wurde nun als Hauptkultur in die Anbauplanung einbezogen. 1922 wurden daher größere Anbauversuche mit Tomaten, Rosenkohl, Rotkohl, Karotten, Stangen- und Buschbohnen aufgenommen. Diese Entwicklung konnte auch nicht von den katastrophalen Auswirkungen der Inflation gehemmt werden.

Die Abhängigkeit der landwirtschaftlichen und gärtnerischen Kulturen von dem jährlichen Witterungsablauf zeigte sich oft genug an Dürre- und Frostschäden, die in den folgenden Jahren einzelne Kulturen der Obstanlagen und des Gemüseanbaues vernichteten oder aber dazu führten, dass kein Ertrag erzielt wurde. Durch verschiedenartige Kulturen des Obst- und Gemüsebaues konnte Beckel diese Rückschläge auffangen und ausgleichen. Durch die Schaffung der Casseler Gartenbauzentrale, deren Geschäftsführer Beckel seit 1923 war, wurde eine Basis für den regelmäßigen Absatz und die Schaffung von Qualitätserzeugnissen des Obst- und Gemüsebaues gefunden, Forderungen von heute, die damals schon ihre Verwirklichung fanden. So ist es verständlich, dass im Oktober 1926 eine Frühgemüsekultur errichtet wurde, die als Beispielsanlage für die Einführung der Frühgemüsekultur unter Glas im hiesigen Gebiet gedient hat. Die neuen Anlagen umfassten einen Gurkenblock mit 6 Häusern und einen Tomatenblock von 750 qm. 4 Braunkohlenkessel sorgten für die Heizung der Glasflächen.

Seit 1925 steht die Obstbauanstalt auch im Zeichen der Mechanisierung. Seit dieser Zeit wurden regelmäßig Bodenfräsen und Beregnereinrichtungen intensiv geprüft.

LVG Hauptgebäude um 1928

Die Lehrtätigkeit fand in zahlreichen mehrtägigen bis mehrwöchigen Kursen ihren Niederschlag. Bis 1931 wurden allein 375 Baumwärter und Straßenbaubeamte, 314 Landwirte, Lehrer und Reichsbahnangehörige sowie 161 Gartenliebhaber im Obstanbau ausgebildet.

Unzählige Besichtigungen und Einzelberatungen trugen zur Hebung des Gartenbaues im kurhessischen Gebiet bei. 1924 wurden erstmalig 2 Obergärtnerprüfungen in der Obstbauanstalt durchgeführt. Unzählige Obergärtner, später Gärtnermeister, und Gehilfen legten hier ihre Fachprüfungen ab. Die Obstbauanstalt war eine wertvolle Ausbildungsstätte für Lehrlinge und Gehilfen in Deutschland geworden. Auch die Assistentenstellen waren immer begehrt. Zahlreiche tüchtige Fachleute verbrachten einen Teil ihrer Ausbildungszeit in Oberzwehren.

Wie nahe erfolgreiches Wirken zum Nutzen des Gartenbaues mit unerbittlichen Rückschlägen durch höhere Gewalt liegt, zeigt der Polarwinter 1929, durch den noch 1930 ganze Birnen- und Pflaumenquartiere abstarben. Durch einen Bahndamm entstanden nach 1900 ungünstige kleinklimatische Verhältnisse in Form eines typischen Kaltluftkessels. Sie wirkten sich auch in der Folgezeit auf das Betriebsgeschehen und das Versuchsprogramm negativ aus. So ist es auch verständlich, dass in 10 Standjahren von 1931 bis 1940 nur 3 Vollertragsjahre, 1 mittleres Ertragsjahr, jedoch 6 ertragslose oder ertragsschwache Jahre zu verzeichnen waren. Diese wurden vorwiegend durch Blütenfröste hervorgerufen.

1930 konnte der Ausbau der Gemüsebauabteilung durch die Errichtung eines Kastenquartieres abgeschlossen werden, nachdem schon früher Anlagen zur Lagerung von Gemüse und Obst entstanden waren. In dieser Zeit begannen in einer 200 qm großen Kohlscheune und einem 300 qm großen Obstlagerhaus Lagerungsversuche, die exakt durchgeführt und ausgewertet wurden.

Im Gemüsebau wurden vorwiegend Sortenversuche mit den wichtigsten Treib- und Freilandarten im Auftrage der DLG angelegt und die Ergebnisse in deren „Mitteilungen“ veröffentlicht.

Im Obstbau begann Beckel mit der systematischen Bekämpfung von Schädlingen durch chemische Mittel. Umfassende Versuchsspritzungen wurden in Verbindung mit den Herstellern dieser Mittel bei den wichtigsten Obstarten durchgeführt, die Ergebnisse ausgewertet und veröffentlicht. Mehrjährige Steigerungsversuche mit Kali und Stickstoff unter Mitwirkung des Kalisyndikates und der Kalkstickstoffindustrie erbrachten bei Äpfeln und Birnen durch genaue Ertragsmessungen und Aufgliederung in Qualität und Größe klare Ergebnisse.

Auch hier hatte Beckel erkannt, dass all diese Maßnahmen zur Qualitätsverbesserung eine wichtige Voraussetzung für den erfolgreichen Konkurrenzkampf des deutschen Obstbaues mit dem Ausland waren.

Nachdem Beckel 2. Vorsitzender des Kuratoriums für Technik im Gartenbau geworden war, verstärkte sich die Versuchs- und Prüftätigkeit auf technischem Gebiet. So erfolgte bis zur Gründung des Instituts für Technik im Gartenbau in Quedlinburg der größte Teil der Maschinen- und Gärtnerprüfungen in der Obstbauanstalt in Oberzwehren. Betriebsangehörige, die schon in dieser Zeit in der Anstalt tätig waren, berichten von der Entwicklungszeit der Bodenfräsen, von Bodenbedeckungsversuchen, von der Erprobung von Beregnungsanlagen und Topfmaschinen, den ersten Versuchen mit elektrischer Bodenheizung und der Erprobung vieler Handgeräte. Es ist im Rahmen dieser Festschrift nicht möglich, alle Versuchsfragen und -Ergebnisse aus den Versuchen der Obstbauanstalt aufzuführen. Sie geben aber deutlich ein Spiegelbild der Entwicklung des Obst- und Gemüsebaues in Deutschland, an der das Institut in Oberzwehren maßgeblichen Anteil hatte.

LVG Versuchsflächen im Winter 1937

Andererseits erlebt man bei der Durchsicht der Jahresberichte 1920-1940 die wirtschaftlich schweren Jahre, die der Gartenbau durchstehen musste. Auch die Arbeit der Obstbauanstalt litt darunter. Gemüse und Obst müssen häufig unter dem Erzeugerpreis abgesetzt werden. Die Ausbalancierung des schwachen Etats der Anstalt war für Beckel oft sehr schwer. Auch nach 1933 waren den Obst- und Gemüseanbauern unter der Führung des Reichsnährstandes keine goldenen Jahre beschert. Die damaligen Preisfestsetzungen wirkten sich nur auf wenige Sorten und beste Qualitäten günstig aus. Das Überangebot aus den Nebenerwerbsbetrieben mit der Sortenvielzahl bei Obst und der vielen landwirtschaftlichen Kleinerzeuger im Gemüsebau führten dazu, dass die starken Einzelhändler regelmäßig einen erheblichen Preisdruck ausübten.

Beckel hatte festgestellt, dass sichtbare Ergebnisse den praktischen Obstbauer noch mehr überzeugen würden als trockene Versuchsberichte. Durch den Erfolg der großen Ausstellung von Gartenbauprodukten in der Stadthalle im Jahr 1924, die zusammen mit den gärtnerischen Verbänden veranstaltet worden war, konnte er durchsetzen, dass vom „Obstbauverein im Regierungsbezirk Kassel“ jährlich eine Gartenbauausstellung abgehalten wurde. Jedes 2. Jahr fand eine große Ausstellung im Stadtpark von Kassel und im Jahr darauf eine Gebietsschau in einem der Kreise Kurhessens statt. Obwohl diese Ausstellungen mehr den Charakter von pomologischen Schauen mit einer Vielzahl von Sorten hatten, zeigten sie doch instruktive Beispiele für Qualitätsunterschiede, die nur durch sorgfältige Pflege, Düngung und Schädlingsbekämpfung erzielt werden konnten.

Neben seiner Tätigkeit als Vorstandsmitglied im Reichsverband des Deutschen Gartenbaues von 1924-1933 war Beckel von 1935 bis 1943 Vorsitzender des Gartenbauwirtschaftsverbandes Kurhessen, 2. Vorsitzender der gärtnerischen Berufsgenossenschaft in Kassel und im Kuratorium für Technik im Gartenbau. Aber auch das gartenbauliche Vereinswesen wurde von ihm als Geschäftsführer des Obstbauvereins im Regierungsbezirk Kassel eifrig gefördert. Bis zu 60 Vorträge hielt er jährlich und nahm an 70-80 Sitzungen der Orts- und Kreisvereine teil.

Hierin ist wohl einer der Gründe zu suchen, dass trotz seiner segensreichen Tätigkeit das Betriebsgeschehen der Obstbauanstalt litt. Die Vielzahl seiner Ämter hielten Beckel häufig vom Betrieb fern. Seine trotzdem sehr genauen Anweisungen konnten auf Tage oder Wochen hinaus von dem leitenden Gärtnermeister selten erfüllt werden, da schon eine Wetteränderung die Pläne der Anstaltsleitung umwarf.

Als von der Obstbauanstalt noch die Aufgabe einer zentralen Vermarktungsstelle übernommen wurde, mussten die Angestellten und Arbeiter der Anstalt auch die Sortierung, Verpackung, die Zu- und Abfahrt der Produkte übernehmen, eine Aufgabe, die in guten Ertragsjahren kaum zu bewältigen war und nur auf Kosten des eigenen Versuchsbetriebes gehen musste.

LVG Hauptgebäude (während 2. Weltkrieg)

1945: Jahr der Zerstörung

Die Polarwinter 1940 bis 1941 bedeuteten eine erste Katastrophe für die Obstbauanstalt. Bis zu 80% der Obstbaumbestände erlagen den Temperaturen bis zu -30° C. Der Schaden war so groß, dass die kleine Belegschaft nicht in der Lage war, im folgenden Sommer die trockenen Bäume zu roden. Vielmehr mussten alle Kräfte dem erweiterten Gemüsebau gewidmet werden, um die zu erwartenden Einnahmeausfälle auszugleichen. Die zweite Katastrophe brach am 11. Januar 1945 über die Obstbauanstalt herein. Durch eine Luftmine und mehrere Bombenteppiche wurden die Gebäude und Gewächshäuser völlig zerstört. Aus Schutt und Asche konnten Beckel und seine Frau nur das nackte Leben retten. Nur wenige Akten und Versuchsunterlagen blieben vor der Vernichtung bewahrt.

Damit schien das Schicksal der Obstbauanstalt besiegelt. Beckel war schon 1944 mit 67 Jahren in den Ruhestand getreten. 1950 starb er mit 73 Jahren in seiner Heimat Wiedenbrück.

Vergleicht man den Aufbau und die Wirkung der Obstbauanstalt unter Huber und Beckel, so zeichnet sich eine gewisse Tragik im Wirken dieser beiden Männer ab. Beide stehen am Ende ihres unermüdlichen Schaffens für den kurhessischen und den deutschen Gartenbau vor einem Niedergang bzw. der Vernichtung ihres Lebenswerkes. Beiden blieb am Ende ihrer Arbeit die offizielle Würdigung versagt. Damit wird aber auch sichtbar, wie sehr der lebende Körper solch einer Versuchsanstalt mit der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung innerhalb der Zeitläufe verflochten ist.

Mitte des Jahres 1944 übernahm der damalige Leiter der Gartenbauabteilung bei der Landwirtschaftskammer, Dr. Raedicker, auch die Leitung der Obstbauanstalt. Die Erzeugung musste in den Notjahren des Krieges ab 1941 vor dem eigentlichen Versuchsprogramm liegen. Da die Obstbestände fast völlig vernichtet waren, wurde unter den schwierigsten Bedingungen vorwiegend Grobgemüse produziert. Die Obstbauanstalt blieb auch in den Nachkriegsjahren reiner Produktionsbetrieb.

Harte Aufbauarbeit

Im Juli 1945 wurde Ernst Heide mit der Führung der Gartenbauabteilung der Landwirtschaftskammer Kurhessen beauftragt. Damit übernahm er auch die Leitung der Obstbauanstalt.

Zwei Männern ist es zu danken, dass die Obstbauanstalt erhalten blieb und ab 1947 der Wiederaufbau begonnen und die ersten Versuche wieder angelegt werden konnten. Als Vorstandsmitglied der Land- und Forstwirtschaftskammer Kurhessen ließ Ehrengärtnermeister Heinrich S i e b r e c h t seinen ganzen Einfluss gelten, um mit allen Kräften den Wiederaufbau der Obstbauanstalt und ihre Umgestaltung auf die Belange der Neuzeit sicherzustellen. Gartenbaurat Heide leistete dazu die Feinarbeit. Er sorgte für die Wiederherstellung der Gurkenhäuser und die Umgestaltung des Gemüseblockes und die Erweiterung der Kastenanlage. 1950 ließ er das erste Obstquartier mit einer Bleiber-Weicher-Anlage als Apfelsortenversuch wieder aufpflanzen. Die ersten Landessortenversuche waren bei Gemüse 1949 begonnen worden. Die nur teilweise zerstörte Obstverwertung wurde hergerichtet. Das Wirtschaftsgebäude und das Verwaltungsgebäude konnten mit Mitteln der Land- und Forstwirtschaftskammer Kurhessen und des Hessischen Ministeriums für Landwirtschaft und Forsten bis 1950 wieder aufgebaut werden.

Die weitere Entwicklung war bis dahin nicht vorauszusehen. Da die Mittel des Landes Hessen nur für den Wiederaufbau bereitgestellt wurden, mussten die Gebäude auf den Grundmauern in der gleichen Größe errichtet werden. Das hat später bei der Aus- und Umgestaltung zur Lehranstalt zu mancher Kompromisslösung geführt.

Aus organisatorischen Gründen und der Notwendigkeit, die Arbeitsbereiche wirkungsvoll abzugrenzen, wurde es 1950 notwendig, die Anstaltsleitung neu zu besetzen. Im Oktober 1950 übernahm Diplomgärtner Dr. Wilke, später als Gartenbaurat und Fachschuldirektor harte Aufbauarbeit, die Leitung der Anstalt mit der Aufgabe den Versuchs- und Tätigkeitsbereich der alten Obstbauanstalt in intensiver Form für den Bereich der Land- und Fortwirtschaftskammer Kurhessen auszubauen und weiterzuentwickeln. Neben der Erweiterung der Versuchsflächen ergab sich schon damals die Notwendigkeit, die Anstalt in den Dienst der fachlichen Fortbildung des Berufsnachwuchses zu stellen. Nicht nur die Tradition der Obstbaumwartkurse und der kurzfristigen Obstbaumpflegekurse für Laien wurde wieder aufgenommen, sondern auch Kurse für die Vorbereitung zur Ablegung der Gärtnermeisterprüfung abgehalten. 1951 musste auch der Unterricht für 3 Fachklassen der gartenbaulichen Berufsschule vom Leiter der Anstalt übernommen werden. Erst 1955 konnte dieser stark belastende Auftrag an die Landwirtschaftliche Berufsschule in Kassel abgegeben werden.

Die Gartenbauschule wird geschaffen

Inzwischen hatte sich durch die selbst gewählte Bezeichnung „Lehr- und Versuchsanstalt für Obst- und Gemüsebau“ für die Obstbauanstalt eine neue Situation ergeben. Der Hessische Minister für Landwirtschaft und Forsten forderte den Ausbildungsbestimmungen entsprechend die Schaffung einer „Gartenbauschule“. Am 17. Oktober 1952 wurde der erste Jahreslehrgang der Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau in Kassel-Oberzwehren durch den Präsidenten der Land- und Forstwirtschaftskammer Kurhessen von Scharfenberg eröffnet. Damit war der 4. Abschnitt der Entwicklung dieser Einrichtung seit 1864 eingeleitet, eine Entwicklung, die sich folgerichtig aus den wirtschaftlichen und damit fachlichen und soziologischen Verhältnissen des deutschen Gartenbaues ergeben musste.

Der Berufsstand unter seinem Landesvorsitzenden H. Siebrecht und die Land- und Forstwirtschaftskammer mit dem Schulabteilungsleiter, Landwirtschaftsdirektor Dr. Reuffurth, hatten maßgeblich zur Förderung und Erfüllung der ministeriellen Forderung beigetragen. Wie richtig und wertvoll diese Entscheidung damals war, sollte die weitere Entwicklung erweisen.

Der 1. Lehrgang war mit 24 Schülern besetzt. Jedoch lag das Durchschnittsalter der Schüler bei ca. 20 Jahren. Der größte Teil der Schüler stammte aus der Fachrichtung Blumen- und Zierpflanzenbau. Damit begann eine konsequente Entwicklung zur breiten fachlichen Auslegung der Anstalt, da die Forderungen des Berufes und dessen Entwicklung ihren Niederschlag finden mussten. Auf die Dauer konnte die gartenbauliche Fachausbildung nur durch den Einsatz qualifizierter Fachlehrer zum erwünschten Erfolg führen. So wurde 1952 der Staatl. dipl. Gartenbauinspektor Hermann Dersch als Gartenbauoberlehrer, seit 1963 Studienrat, eingestellt. Die Entwicklung der Lehr- und Versuchsanstalt zur echten Meisterschule des Gartenbaus verlief günstiger als allgemein für das kurhessische Anbaugebiet erwartet worden war. Die Tradition der alten Obstbauanstalt in Oberzwehren spielte bei der Schülerwerbung eine nicht unwesentliche Rolle.

Die Tabelle zeigt, dass die Schülerzahl von Jahr zu Jahr wuchs, so dass ab 1955 die volle Kapazität erreicht wurde und es häufig vorkam, dass nicht alle Bewerber angenommen werden konnten. Das Durchschnittsalter hat sich vom zweiten Jahreslehrgang an wesentlich erhöht, so dass die Schüler größtenteils den Schulbesuch erst begannen, als sie vor der Meisterprüfung standen. Damit hat die Schule schon früh den Charakter der Meisterschule erreicht.

Ab 1957 nahm die Zahl der Schüler in der Fachrichtung Landschaftsgärtnerei stark zu, so dass zur ordnungsgemäßen Ausbildung eine Spezialkraft eingesetzt wurde. Ab Anfang 1959 ist Gartenbaurat Diplomgärtner Reiner Nowitzki als Lehrkraft in der Fachrichtung Landschaftsgärtnerei vollamtlich tätig.

Insgesamt besuchten in zwölf Jahreslehrgängen 360 Schüler die Meisterschule. 252 Absolventen der Jahreslehrgänge legten nach dem Schulbesuch die Meisterprüfung ab (70%). 52 Schüler (14 %) wurden Gartenbautechniker bzw. Gartenbauingenieur. Von diesen befinden sich noch einige im Studium. Nur 56 Absolventen der Gartenbauschule sind noch als Gehilfen tätig. Insgesamt 84 % erreichten somit durch den Besuch der Meisterschule ihr Ausbildungsziel. Da von den letzten Jahreslehrgängen noch ca. 25 Schüler zur Meisterprüfung in den kommenden Jahren anstehen, werden in 2-3 Jahren 90% der Gartenbauschüler die Meister- und Ingenieurprüfung abgelegt haben. Dies spiegelt den guten Erfolg der jungen Gartenbauschule wider. Der größte Teil der Gärtnermeister übernahm inzwischen die Leitung des väterlichen Betriebes, 61 Schüler wurden durch Betriebsübernahme oder im Siedlungsverfahren selbständig. Die restlichen Meister sind als Führungskräfte in praktischen Betrieben tätig.

Der größte Teil der Absolventen der Meisterschule (290) sind Mitglieder im Verein ehemaliger Gartenbauschüler Kassel-Oberzwehren“. Der Verein führt jährlich in Verbindung mit der Lehr- und Versuchsanstalt 2 mehrtägige Arbeitstagungen zur Fortbildung seiner Mitglieder durch. Der gute Besuch dieser Tagungen zeugt von der regen Arbeit des Vorstandes (1. Vorsitzender Gartenbautechniker H.-K. Watz). Die Schule gibt jährlich 3-4 Versuchsberichte und persönliche Mitteilungen an alle Mitglieder heraus. Dieses enge Band hat sich besonders vorteilhaft auf die Schülerwerbung ausgewirkt. Wer mit der Ausbildung in Oberzwehren zufrieden war und sich wohl fühlte, bringt einen neuen Schüler ein. Die persönliche Bindung zwischen Lehrerschaft und Schülern ist während und nach der Schulzeit besonders gut.

Bei der Gründung der Schule wusste man, dass der Raum Kurhessen allein nicht als Einzugsgebiet für die Schule ausreichen würde. So stammen von den 360 Teilnehmern 54 % aus Hessen, die restlichen 46% kommen vor wiegend aus den benachbarten Ländern Westfalen, Niedersachsen und anderen Bundesländern. Nur wenige Schüler sind Fahrschüler. So war es 1959 dringend erforderlich, ein Schülerwohnheim zu erstellen. Das Gebäude der alten Obstverwertung wurde dafür geopfert, weil dieses Arbeitsgebiet im neuen Programm der Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau ein Fremdkörper war. Im November 1959 erfolgte die Einweihung. Im Schülerwohnheim werden jährlich 26-31 Schüler untergebracht, die in gut ausgestatteten 2- und 3-Bettzimmern wohnen. Im Untergeschoß befinden sich Aufenthalts- und Unterrichtsräume, eine kleine Teeküche und 2 Büroräume. Eine moderne Brauseanlage im Keller vervollständigt das modern ausgestattete Wohnheim. Diskussionsabende und gemeinsamer Theater- und Konzertbesuch fördern die Allgemeinbildung der angehenden Gärtnermeister. Der Wert einer Jahresschule mit Wohnheim ist daher in der Persönlichkeitsbildung besonders hoch einzustufen.

Der Lehrplan umfasst 40 Unterrichtswochen und stellt mit 36-38 Wochenstunden hohe Anforderungen an die Schüler. Die Betriebswirtschaft muss an einer Meisterschule vorherrschen. Betriebslehre, Buchführung und Steuerkunde sowie Marktwirtschaftslehre sind daher mit der höchsten Unterrichtsstundenzahl ausgelegt. Die Grundlagenfächer (Botanik, Bodenkunde, Düngerlehre, Technik im Gartenbau, Pflanzenschutz) umfassen 30% 12 der Unterrichtsstunden und herrschen im ersten Halbjahr vor. Während bis auf die spezielle Betriebslehre diese Fachgebiete im gemeinsamen Unterricht gelehrt werden, wird der Unterricht in der speziellen Fachkunde seit 1955 getrennt nach Fachsparten durchgeführt. So nehmen alle Schüler nur an der Einführung in den Hauptfachsparten teil, der Spezialunterricht (Blumen- und Zierpflanzenbau, Landschaftsgärtnerei, Baumschulwesen, Obstbau und Gemüsebau wird jedoch getrennt durchgeführt [7-8 Stunden wöchentlich). Diese Aufteilung hat sich für die Meisterprüfung voll bewährt. Im Unterricht herrscht das Unterrichtsgespräch vor, der Lehrstoff wird gemeinsam erarbeitet. Gärtnergehilfen mit 8-9 Berufsjahren im In- und Ausland bringen gute Berufserfahrungen mit, deren Koordinierung und betriebswirtschaftliche Einordnung das Hauptziel eines fortschrittlichen Unterrichts einer Meisterschule ist. Vortragsübungen (2 Stunden wöchentlich) geben dem gärtnerischen Nachwuchs Sicherheit im Sprachgebrauch und im persönlichen Auftreten. Zu erwähnen bleibt, dass jährlich eine 8- bis 10tägige Lehrfahrt ins In- oder Ausland, ein DEULA-Lehrgang, zusätzliche Lehrgänge in der Landschaftsgärtnerei und praktische Übungen die Möglichkeit bieten, die betriebstechnischen, betriebswirtschaftlichen und marktwirtschaftlichen Kenntnisse zu erweitern.

Auf Anforderung des Berufsstandes werden neben der Meisterschule noch zusätzliche Lehrgänge durchgeführt. Seit 1950 finden in den Fachgebieten Obstbau, Landschaftsgärtnerei 3- bis 14-tägige Speziallehrgänge statt mit dem Ziel, die Berufskenntnisse strebsamer Gärtnergehilfen in diesen Fachgebieten zu erweitern. 1963/64 fanden 2 Vorbereitungslehrgänge für die Meisterprüfung mit der Dauer von 14 Tagen statt, um Gärtnergehilfen, die keine Möglichkeit für den Besuch eines Jahreslehrganges hatten, die Möglichkeit zu geben, sich auf die Meisterprüfung vorzubereiten. Es zeigte sich, dass diese kurzfristigen Lehrgänge kein Ersatz für den Jahreslehrgang sein konnten.

Versuchsbetrieb

Der Aufbau und die Entwicklung des Versuchsbetriebes konnte kontinuierlich fortgeführt werden. Im Jahre 1951 kam es der Betriebsleitung darauf an, sowohl den gärtnerischen Berufsstand als auch die breite Öffentlichkeit auf den Wiederbeginn der vollen Versuchstätigkeit aufmerksam zu machen. Hierzu bot eine größere Cyclamenschau im Oktober 1951 eine willkommene Gelegenheit. Von sämtlichen Cyclamenzüchtern des Bundesgebietes wurden Jungpflanzen ihres Sortiments angefordert und im Versuchsbetrieb zu Fertigpflanzen herangezogen. In Verbindung mit Warmhauspflanzen verschiedener Arten wurde in den Häusern der Gemüsebauabteilung eine gut gelungene Sortiments- und Herkunftsschau aufgebaut. Diese Cyclamenschau war in Hessen und im gesamten Bundesgebiet ein voller Erfolg und wurde von 9000 Personen besucht. Neben dem guten Erfolg für das Ansehen der Versuchsanstalt wurde durch die Cyclamenschau der Anstoß für sehr erfolgreiche Herkunftsprüfungen bei Cyclamen unter der Federführung von Professor R. Maatsch, Hannover, gegeben. Mit Beginn der Fachschulausbildung im Jahr 1952 war es erforderlich, gemäß der Zusammensetzung der Meisterschüler, den Versuchsbetrieb völlig umzuformen. Es zeigte sich, dass der größte Teil der Schüler Blumen- und Zierpflanzenbauer und Landschaftsgärtner war. In geringeren Zahlen folgten dann die Baumschuler, Obstbauer und Gemüsebauer. Der Betriebsleitung war klar, dass das beste Anschauungsmaterial für den angewandten Unterricht bei einer Jahresschule im Versuchsbetrieb vorhanden sein muss. Somit konnten wir uns nicht auf die vorhandenen Obst- und Gemüseflächen beschränken. Dringend erforderlich war die Schaffung der neuen Abteilungen Blumen- und Zierpflanzenbau, Landschaftsgärtnerei und Baumschulwesen. Das erforderte eine beträchtliche Einschränkung der Obstfläche. Die Altbestände wurden bis 1952 restlos geräumt und insgesamt eine Versuchsfläche von 3 ha mit verschiedenen Obstarten und Sorten neu bepflanzt. Die Freilandflächen für den Gemüsebau wurden von den Obstbauflächen getrennt, so dass die frühere Doppelnutzung unter den Obstgehölzen wegfiel. Insgesamt umfasst die Freilandfläche im Gemüsebau 3 ha.

Die 2000 m² große Glasfläche wurde zur Treiberei von Gurken, Tomaten, Salat und anderen Gemütsarten genutzt. Im Obst- und Gemüsebau herrschen Sortenversuche vor, die im Gemüsebau vorwiegend als Register- und Wertprüfungen für das Bundessortenamt durchgeführt werden. Daneben galt es insbesondere im letzten Jahrzehnt in Anbauversuchen arbeitswirtschaftliche Fragen mit dem Ziel der Aufwandsminderung im Obst- und Gemüsebau zu klären.

1954 konnte ein neues Lagerhaus mit Sortier- und Verpackungsräumen erstellt werden. Eine Luftwaschanlage mit Kühleinrichtung wurde für den Obstlagerraum 1959 fertiggestellt.

Die Bundesgartenschau 1955 in Kassel sollte nicht nur dem kurhessischen Gartenbau einen guten Erfolg bringen. Sie brachte indirekt auch einen bildlichen Baustein beim Wiederaufbau der neuen Blumenbauabteilung mit einer Glasfläche von 800 qm Hochglas und 400 qm Niederglas. 3 auf der Ausstellung gezeigte moderne Gewächshäuser konnten gekauft und damit die Blumen- und Zierpflanzenbauabteilung aufgebaut werden. Die Schüler des Jahreslehrganges 1956 müssen heute lobend erwähnt werden, weil sie bei dem Aufbau der Gewächshäuser kräftig mit Hand anlegten. Ende 1956 konnten die Glasflächen in Nutzung genommen werden, nachdem eine modern Ölheizungsanlage mit automatischer Steuerung eingebaut war.

Zwar hatte die Blumenbauabteilung schon 1951 in 2 wenig geeigneten Gurkenhäusern und in einigen Frühbeetkästen die Versuchstätigkeit begonnen. Es war jedoch ein Notbehelf. Seit 1956 wird in der neuen Abteilung Versuchsarbeit geleistet. Die Einführung neuer Kulturen wie Freesien, gesteuerte Chrysanthemen, Usambara-Veilchen und andere ins hiesige Anbaugebiet passende Kulturen, die Erprobung und Verbreitung neuer Sorten und Kulturverfahren beherrschen das Versuchsprogramm, das durch Düngungs- und Substratversuche ergänzt wurde.

Die Abteilung Landschaftsgärtnerei war unter besonders schwierigen Bedingungen aufzubauen. Einmal fehlte es an Geldmitteln für die Beschaffung der erforderlichen Sortimente von Ziergehölzen und Stauden. Noch ungünstiger wirkte sich für diese Abteilung mit 2 Morgen Größe aus, dass nur halbjährig ein Gehilfe eingestellt werden konnte. So wurde die heute bestehende Anlage im Bereich der Hauptgebäude fast ausschließlich im freiwilligen Einsatz der Schüler erstellt. Sie konnten jedoch in Übungsarbeiten dabei durch die landschaftsgärtnerischen Arbeiten wie Plattenlegen, Setzen von Mauern, Aufbau einer Pergola, Anlegung von Wegen u. a. vieles hinzulernen. Noch wertvoller war jedoch, dass der Aufbau von Gehölz- und Staudenpflanzungen, die zum Teil im eigenen Betrieb herangezogen wurden, plangerecht von den jungen Meisteranwärtern durchgeführt wurde.

LVG Versuchsbetrieb Gemüse 1959

1960 begann ein langjähriger Rasenversuch. Nicht eine buntblühende Schmuckanlage, sondern ein für Schulzwecke besonders geeigneter Anschauungs- und Sichtungsgarten mit Pflanzbeispielen, Sortimentserprobungen und Standortversuchen bei immergrünen Gehölzen ist die Aufgabe dieser jungen Abteilung.

Die Baumschulabteilung diente zunächst nur bis 1960 der Anzucht von Obstgehölzen für eigene Versuchsaufpflanzungen im Obstbau. Die wirtschaftlich geeignete vegetative Vermehrung von Kirschen- und Apfelunterlagen, die Anzucht von Ziergehölzen in Blechgefäßen für die Dauerpflanzung in den Sommermonaten waren in den letzten Jahren Hauptversuchsfragen. Seit 1961 werden im Auftrage des Hessischen Ministers für Landwirtschaft und Forsten Virustestungen für das Land Hessen in Feldversuchen (1,5 ha) außerhalb der Versuchsanstalt und in Schnelltesten in Gewächshäusern durchgeführt. In den kommenden Jahren wird aus dem selektierten, virusfreien Material ein Reiserschnittgarten aufgebaut, der den Baumschulern gesundes Ausgangsmaterial für alle Obstarten zur Weitervermehrung liefern soll.

Aus der Obstbauanstalt unter Huber war nach dem 1. Weltkrieg eine Versuchsanstalt geworden, die unter Beckel neben dem Obstbau auch den Gemüsebau in das Versuchsprogramm aufgenommen hatte. Die Neuzeit erforderte eine Aufgliederung in 5 selbständig arbeitende Abteilungen. Die organisatorische Leitung jeder Abteilung liegt in der Hand des entsprechenden Fachlehrers. Die technische Durchführung überwachen 3 Gärtnermeister. 1 Gartenbauinspektor und 1 Gartenbautechniker sind für die Versuchsanlagen und deren Auswertung verantwortlich. Die Gesamtbelegschaft besteht aus 12. Vollarbeitskräften.

LVG Versuchsbetrieb, Bluzie um 1964

Oberzwehren Mittler zwischen Wissenschaft und Praxis

Es ist müßig darüber zu streiten, ob eine Konzentration auf 2 Fachsparten für den Versuchsbetrieb und die gezielten Versuchsfragen nicht mehr Vorteile im Zeitalter der Spezialisierung bringen würde. Das hiesige kleine Anbaugebiet mit seinen vielschichtigen Fachgebieten erfordert jedoch eine vielseitige Schule und einen gleichartigen Versuchsbetrieb. Betont werden muss noch, dass in Oberzwehren auch heute keine wissenschaftliche Forschung betrieben wird. Der Versuchsbetrieb ist einerseits eine wichtige Ergänzung für die Ausbildung an der Jahresschule, zum anderen ist er ein Mittler zwischen Wissenschaft und Praxis, d.h. übertragt wissenschaftliche Grundlagen- und Züchtungsforschung in die Praxis. Bei zahlreichen Vorträgen in gartenbaulichen Versammlungen, durch Versuchsberichte und schriftliche oder mündliche Beratungen werden die Versuchsergebnisse dem praktischen Gärtner mitgeteilt.

Der Vorstand der Land- und Forstwirtschaftskammer Kurhessen hat im letzten Jahrzehnt beträchtliche Opfer gebracht, um den aufstrebenden jungen Gärtnern eine vorzügliche Ausbildung zuteil werden zu lassen. Die Gartenbauschule ist zu einem vollen Erfolg geworden, aber auch die Ergebnisse des Versuchsbetriebes wirken sich befruchtend auf die Entwicklung des kurhessischen Gartenbaues aus. Besonderer Dank gebührt auch dem Hessische n Ministerium für Landwirtschaft und Forsten, hier besonders dem Fachreferenten für Gartenbau, Oberregierungsrat Dr. Schröder, für die vielseitige finanzielle Hilfe. Schon heute ist bei der Verfolgung des Berufsweges der ehemaligen Schüler Oberzwehren zu erkennen, dass sich das „gelegte Kapital“ gut verzinst hat.

LVG Fachschule, Internat 1981

Wer der Jugend eine gute Ausbildung angedeihen lässt, wird immer sicher in die Zukunft gehen können. Im gärtnerischen Fachschulwesen des Landes Hessen herrscht kein Notstand. Der Berufsstand hat das begriffen und weiß die Möglichkeiten zu nutzen.

Eine letzte große Anstrengung zur Vollendung, zum Wiederaufbau, zur Neugestaltung der Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau ist die Bereitstellung der Mittel für den Neuaufbau der Glasflächen der Gemüsebauabteilung durch die Land- und Forstwirtschaftskammer Kurhessen und des Hessischen Ministeriums für Landwirtschaft und Forsten.

Wenn zur Feier der 100-jährigen Wiederkehr der Gründung der Anstaltseinrichtung sich viele ehemalige Mitarbeiter aus den früheren Jahren einfinden werden, wird sich ihnen ein modernes, völlig verändertes Bild ihrer alten Obstbauanstalt zeigen. Aufgaben und Ziele, vor 100 Jahren breit angelegt, haben sich in ihren Grundgedanken nicht verändert. Die Aufgaben mussten jedoch gestrafft und neu ausgerichtet werden. Eine Tradition verpflichtet, verlangt aber auch, sich der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung anzupassen.

In Dankbarkeit und Verehrung sei aller der Männer gedacht, die durch ihre Arbeit den Ruf der Anstalt begründen halfen, aber auch der vielen Mitarbeiter, die in aller Stille an diesem Werk gewirkt haben.

__